Widmar Hader (* 1941 Elbogen a.d.Eger)

Cantus traductus

für Posaune und großes Orchester (1983)

I. A tempo giusto
II. Agitato
III. Passacaglia in honorem Sancti Sigismundi
IV. Chorea Sancti Viti
V. Hymnus in honorem Sancti Wenzeslai

Dem "Cantus traductus" liegt eine mittelalterliche Melodie zugrunde, die im Prager Codex XI E 9 der Universitätsbibliothek Prag aus dem 14./15. Jahrhundert unvollständig überliefert (traductus) ist. Dr. Friedrich Kammerer schreibt darüber 1931 unter anderem: "Vielleicht ist der von dem übrigen Inhalt der Sammlung völlig abweichende Stil des Stückes, das in seinen verzwickten Rhythmen außerdem noch Ausführungsschwierigkeiten bot, der Grund gewesen, weshalb es nicht fertig geschrieben wurde." Was damals vielleicht aus diesem Grund von dem Schreiber (die Handschrift wurde vermutlich von drei deutschen Mönchen angelegt) nicht recht erfasst werden konnte, greift Hader auf, wird von ihm weitergedacht und fortgeführt (traductus).


I. So beginnt im 1. Satz (A tempo giusto) der Solist ganz allein mit dem überlieferten Teil des Cantus, der dann fortgesponnen wird und zusammen mit dem Orchester ein erstes neues Eigenleben entwickelt.


II. Der 2. Satz (Agitato) beschwört die Gestalt und die Welt Kaiser Karls IV., aus dessen Zeit der hier verwendete Cantus stammt. Karls IV. Vater war Johann von Luxemburg, der "große Reiter und Turnierheld, der gewandte Diplomat, glänzende Kavalier und jähzornige Potentat" (Ferdinand Seibt). In einem tief greifenden Zerwürfnis hatte er den dreijährigen Karl seiner Mutter, einer Premyslidenprinzessin, entrissen und ließ den Buben, der sich gegen die Trennung von seiner Mutter sträubte, auf der Burg Elbogen durch zwei Monate in harter Haft im Keller halten. Karl IV. hat wahrscheinlich diesen Schock der Dunkelhaft nie überwunden. Und als der Kaiser 40 Jahre später bei Prag die Burg Karlstein errichten ließ, barg diese in ihrer Mitte die Kreuzkapelle, deren Wände ganz mit geschliffenen böhmischen Edelsteinen und Halbedelsteinen bedeckt waren und die von 1400 Kerzen erleuchtet wurde.


Die letzten drei Sätze bilden ein böhmisches Heiligen-Triptychon. Sie sind den drei Heiligen gewidmet, die sowohl auf dem ursprünglichen, aus der Prager Werkstatt des Meisters Theoderich stammenden gemalten Flügelaltar der Veitskirche in Stuttgart - Mühlhausen dargestellt sind, wie auch auf dem späteren Flügelaltar mit geschnitzten Figuren aus einer schwäbischen Werkstatt, der 151O den alten Altar ersetzte:


III. Der 3. Satz ist eine Passacaglia zu Ehren des heiligen Sigismund. Karl IV. verehrte ihn als christlichen Herrscher, sah in ihm seinen Vorfahren auf dem burgundischen Königsthron und stellte seine Dynastie unter seinen Schutz. Das Passacaglia-Thema ist ein vom Komponisten erdachter Tenor (= Hauptstimme), zu dem der Cantus (= Kontrapunkt) hätte geschrieben sein können.


IV. Der 4. Satz ist ein Veitstanz. Er beginnt mit einer apokalyptischen Vision der Pest-Epedemie, die Europa um die Mitte des 14. Jahrhunderts heimsuchte. Sein Hauptstück ist ein Schreittanz zu Ehren des heiligen Veit, der als Retter aus dieser Not angerufen wird. Dieser Schreittanz steigert sich in ekstatischer Weise bis zu einem wirbelnden Nachtanz, in dessen letzte Zuckungen als erlösender Choral die ersten Töne des Cantus von der Solo-Posaune geblasen werden.


V. Der 5. Satz, ein Hymnus zu Ehren des heiligen Wenzel, vereinigt abschließend zu einem Trommelrhythmus den Cantus und den Tenor: Symbol für die den Ausgleich und das Verbindende suchende Natur des heiligen Wenzel.

Bilder


Pressestimmen:


" ... so bedient sich Hader einer mittelalterlichen Melodie aus einem Prager Codex, mittels derer er die fünf Sätze seines Posaunenkonzerts zu farben- und leuchtkräftigen Bildern einer böhmischen Chronik der Welt Karls IV. und des in der Veitskapelle in Stuttgart-Mühlhausen befindlichen Flügelaltars mit den Heiligen Sigismund, Veit und Wenzel ausmalt. Dabei erweist sich Hader als ein Vergangenheitsbeschwörer von großem Ernst und Gewicht, ein gewissenhafter Kontrapunktiker auch, dessen einzelnen Sätzen insgesamt eine dunkle Feierlichkeit und zeremoniöse Breite auch noch da eignet, wo er die Rhythmen wie etwa im Veitstanz – paroxistisch explodieren läßt. Sein dichter Bläsersatz hindert ihn indessen nicht daran, der Soloposaune ausgesprochen virtuose Eskapaden zu ermöglichen, die sich aber immer im Rahmen des Beschwörenden, eines Mahnruf zu Besinnung und Einkehr halten ..." (Horst Koegler in: STUTTGARTER ZEITUNG vom 7. Juni 1985)


" ... Dazwischen eingebettet lag die Uraufführung von Widmar Haders sich ein wenig theoretisierend-spröde 'Cantus traductus' nennenden Konzertstück für Posaune und Orchester, dem eine mittelalterliche Melodie (Cantus) zugrunde liegt. Haders fünfsätzige Komposition verlangt von ihrem Solisten beträchtliche Meisterschaft und Virtuosität im Hinblick auf die Handhabung der Züge und der Anblastechnik. Armin Rosin wurde beidem mit wunderbar modulatuionsfähigem Atem gerecht. Die Sätze sind knapp und ungeschwätzig gehalten. Der archaische Cantus ist in ein raffiniert heutiges Klangbild eingebettet, das weder vor lyrischer Empfindsamkeit noch vor strahlendem Trompetengeschmetter im Stil von Ritterfilmen zurückscheut; dazwischen Schlagzeugvehemenz. Gleichwohl sind die kompositorischen Verflechtungen zwischen der Vorlage und Haders Ausformung sehr eng. Im dritten Satz, einer Passacaglia, ergänzt er den (nur in Motivpartikeln auftauchenden) Cantus mit einer Art harmonischen Kontrapunkts, die beiden im letzten Satz dann, einem Hymnus zu Ehren des heiligen Wenzel, gegeneinander gestellt, sich zu einer reizvollen Konstruktion ohne jede Sprödigkeit ergänzen." (Dieter Kölmel in: STUTTGARTER NACHRICHTEN vom 8. Juni 1985)


" ... Vor 'vollem Haus' - das bedeutete einen bis auf den letzten Platz besetzten Weinbrennersaal - fand das zweite Sinfoniekonzert dieser Saison statt. Es wurde ausgeführt vom Baden-Badener Orchester (BBO) unter der Leitung von Werner Stiefel... Viel ist über das nächste Werk, den 'Cantus traductus' von Widmar Hader, zu sagen, der 1985 in Stuttgart uraufgeführt wurde. Der Komponist bezeichnete ihn im vorausgegangenen Werkstattgespräch als ein für seine Arbeit und sein Leben besonders wichtiges Werk. In diesem Gespräch gab Hader Einblick in die Bilder und Gedanken seiner Komposition. Leider nutzte nur ein verschwindend kleiner Teil des Publikums dieses Angebot, schade! Denn die Ausführungen des Komponisten erleichterten das Verständnis ungemein. Andererseits hatten die Gäste wenigstens eine kleine Hilfe im Programmblatt, denn hier wurde das Werk ... in seinen wesentlichen Gedanken umrissen. Allerdings, so problematisch war das Hören des Cantus nun auch wieder nicht, denn Hader spricht in diesem Werk eine verständliche Sprache. Seine Dissonanzen sind vom Gedankengut her begründet, auch die oft berückend schönen Melodiebögen haben ihren Stellenwert im Gesamtkonzept. Als Grundlage seiner Komposition diente ihm ein in Prag aufgefundenes Fragment einer Melodie, die eigentlich nur Begleitstimme ist (Cantus), während die Hauptmelodie verloren ging. Hader spinnt den Cantus fort bis in unsere Zeit, erfindet eine mögliche Hauptstimme, beschäftigt sich aber auch mit der Zeit, in der der Cantus entstanden ist. Der Komponist hat den Cantus traductus dem Posaunisten Armin Rosin gewidmet, und so war klar, dass dieser ihn adäquat wiedergeben würde. Dass er dabei eine Skala von technischen Raffinessen zur Intensivierung der Aussage verwendete, erregte Bewunderung. Diese verdiente auch das Orchester und sein Dirigent... " (Doris Steffens in: BADISCHES TAGBLATT vom 14. Oktober 1986)


" ... Nach diversen Ansprachen dirigierte Widmar Hader die Sätze drei bis fünf aus seinem 'Cantus traductus' ... Ein Thema mit einer Passacaglia vorzustellen, spricht für den musikalisch schöpferischen Hintergrund eines Komponisten, denn diese kontraunktische Form gehört zu den schöpferisch ergiebigsten Formen, wenn man komponieren kann. Und Widmar Hader kann es, das beweist er hier nicht zum ersten Mal. Da geben sich Einflüsse früher Mehrstimmigkeit in organalem Denken mit expressiver Orchestrierungskunst die Hand, und die Posaune als Soloinstrument ist instrumentengerecht und dabei exponiert in das reiche Orchester integriert. Dabei sind die Charaktere der drei Heiligen kompositorisch ausgezeichnet vorgestellt: Der Herrscher Sigismund in der Gesetzesstrenge der Passacaglia, der hl. Vitus mit der Turbulenz und der Vehemenz des Tanzes, der nach ihm benannt ist, dem Veits-Tanz, und schließlich im letzten Satz die ausgleichende Natur des hl. Wenzel, in der Zusammenführung der Themen. So steht es wohl im Programmheft, aber man konnte dieser Empfindung auch allein hörend zuteil werden. Mit Armin Rosin hatte er nicht nur einen böhmischen Musikanten als Solisten, sondern einen ausgesprochenen Star unter den Meistern der Posaune. Widmar Hader selbst brachte dieses sehr anspruchsvolle Opus mit seinem Musiktage-Orchester zu überzeugender Wirkung ..." (Franz A. Stein in: MITTELBAYERISCHE ZEITUNG vom 8. April 1991)


" ... Seinem Cantus traductus ... liegt eine mittelalterliche Melodie zugrunde, die unvollständig überliefert worden ist. Hader versuchte den Torso mit viel Einfühlungsvermögen, aber auf zeitgemäße Weise zu vervollständigen ... Widmar Haders Musik ist von großer suggestiver Bildkraft ..." (Helmut Rohm im BAYERISCHEN RUNDFUNK am 17. März 1992)


" ... Seine Verwachsenheit mit der Musikkultur seiner böhmischen Heimat demonstrierte Hader auch im »Cantus traductus« ... In einem groß angelegten Bilderbogen verwob Hader den mittelalterlichen »Cantus« mit zeitgenössischer Musiksprache." (Srefan Walter in: MÜNSTERSCHE ZEITUNG vom 9. März 1994)


" ... und der heilige Wenzel als Symbol für Ausgleich und Verbindung .... Im Wenzels-Prinzip, der Zusammenführung von Gegensätzen, sieht Hader den europäischen Auftrag und den Aufruf seiner Musik. In ihr liegt über dunkler Feierlichkeit eine zeitweise ausgesprochen virtuose Posaunenstimme. Man möchte das Werk im Konzert hören!" (-jh- [Dr. Johann Hasenkamp] in: WESTFÄLISCHE NACHRICHTEN vom 9. März 1994)


" ... In Widmar Haders ,Cantus traductus’ für Posaune und großes Orchester konnte Proferssor Armin Rosin die Vielseitigkeit des Instrumentes in allen Facetten und Tonlagen zu Gehör zu bringen. ..." (Siegfried Hasler in: MINDELHEIMER ZEITUNG vom 24. Sept. 2002)
 

Aufführungen:

  1. 04.06.1985 Stuttgart (Beethovensaal der Liederhalle): Armin Rosin (Posaune) und die Stuttgarter Philharmoniker (Leitung: GMD Hans Zanotelli)
  2. 10.10.1986 Baden-Baden (Kurhaus, Weinbrennersaal): Armin Rosin (Posaune) und das Baden-Badener Orchester (Leitung: GMD Werner Stiefel)
  3. 14. u. 15. 6. 1988 Süddeutscher Rundfunk Stuttgart (Funkstudio Villa Berg): Aufnahme mit Armin Rosin (Posaune) und den Stuttgarter Philharmonikern (Leitung: GMD Heinz Finger)
    27.02.1989 Süddeutscher Rundfunk Stuttgart, II. Programm, 23.05 Uhr: Erstsendung dieser Aufnahme
  4. 20. 8.1989 Rundfunksender 3MBS-FM (Australien), FINE MUSIC MELBOURNE, 19.30 Uhr: "THIS MODERN STUFF" with Warren Burt & Felix Werder (Trombone: Armin Rosin, Stuttgarter Philharmoniker / Heinz Finger)
  5. 06.04.1991 Regensburg (Großer Neuhaussaal): Armin Rosin (Posaune) und das Orchester der 14. Sudetendeutschen Musiktage (Leitung: Widmar Hader), III.- V. Satz.
  6. 17.03.1992 Bayerischer Rundfunk München, II. Programm, 23.07 Uhr (»Musik unserer Zeit«): Armin Rosin (Posaune), Stuttgarter Philharmoniker (Leitung: Heinz Finger)
  7. 25.09.1993 Elbogen a.d. Eger (Dekanalkirche St. Wenzel): 5. Satz über Tonband zugespielt und getanzt von Studierenden der Palucca Schule Dresden.
  8. 21.09.2002 Bad Wörishofen (Großer Kurhaussaal): Armin Rosin (Posaune) und das Philharmonische Orchester Königgrätz (Hradec Králové), Leitung: Dietmar Gräf.
  9. 17.10.2002 Regensburg (St. Vituskirche): 4. Satz per Tonband zugespielt und getanzt von Elisabeth Hermann.

Darüberhinaus stellte der Komponist in mehreren Vorträgen sein Werk erklärend vor, unter anderem in Stuttgart, Bad Kissingen, Rohr/Nb., Münster/Westf. und Pilsen.

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